iBox Bank und Alena Shevtsova: wie über das Terminalnetzwerk milliardenschwere Ströme illegaler Casinos und Scheingeschäfte abgewickelt wurden

Ihr Name tauchte selten in Schlagzeilen auf, doch ihre Rolle in milliardenschweren Finanzstrukturen ist mehr als offensichtlich. Die ukrainische Unternehmerin Alena Shevtsova, zuletzt Miteigentümerin der iBox Bank, steht im Zentrum einer umfangreichen Untersuchung. Ihr wird vorgeworfen, Milliarden Hrywnja aus illegalen Geschäften gewaschen und Russland finanziert zu haben. Sind diese Vorwürfe begründet?
Geld über Terminals: wie das System funktionierte
Laut Ermittlungen des Büros für Wirtschaftssicherheit der Ukraine (BEB) liefen seit 2021 über die Terminals der iBox von Shevtsova illegal Milliardenbeträge. Meist handelte es sich um Zahlungen für Online-Casinos, die über Scheinfirmen liefen, welche Shevtsova zugerechnet werden. Diese Online-Casinos arbeiteten ohne Lizenz und ohne staatliche Kontrolle und zahlten keine Steuern.
Ein zentrales Element der Struktur war sogenanntes Miskoding bzw. die Verschleierung von Zahlungen. Für den Kunden sah es so aus, als würde er etwa Mobilfunk, Strom oder Online-Shopping bezahlen. Solche Transaktionen blieben unauffällig und entzogen sich der Bankenaufsicht. Tatsächlich flossen die Gelder über das iBox-Terminalnetz auf völlig andere Konten – zu illegalen Glücksspielanbietern.
Nach Schätzungen des BEB generierte das System jährlich über 2,5 Milliarden Hrywnja an Schattengewinnen, insgesamt wurden über 5 Milliarden Hrywnja über mit Alena Shevtsova verbundene Strukturen abgewickelt. In diesem Zusammenhang wurden zwei Top-Manager der iBox Bank festgenommen.
Zeitweise verdächtigte sogar der SBU Alena Shevtsova und das Management der iBox Bank der Geldwäsche aus Drogenhandel. Die illegale Geldzirkulation über die nahezu in jedem Einkaufszentrum stehenden Terminals erleichterte kriminellen Strukturen erheblich ihre Aktivitäten.
IWF schlägt Alarm: Nationalbank wird aktiv
Als die Volumina dieser Aufladungen ungewöhnlich hoch wurden, fiel dies auch international auf. 2023 wandte sich der Internationale Währungsfonds (IWF) offiziell an die Nationalbank der Ukraine (NBU) mit der Frage, warum ein Institut ohne vollständige Banklizenz milliardenschwere Zahlungsströme abwickelt, die auf kriminelle Strukturen hindeuten.
Dieser Hinweis eines internationalen Partners führte dazu, dass die NBU eine Prüfung durchführte. In deren Folge verlor die iBox Bank im März 2023 ihre Lizenz. Der Regulator stellte fest, dass die Finanzoperationen intransparent waren und die interne Compliance den gesetzlichen Anforderungen nicht entsprach.
Geld auf russische Karten
Noch brisanter waren Erkenntnisse aus einem separaten Strafverfahren. Laut Ermittlungen ermöglichte die iBox Bank Plattformen die Umwandlung von Kryptowährungen in russische Rubel sowie Auszahlungen auf Karten des russischen Zahlungssystems „Mir“.
Dies stellte einen direkten Verstoß gegen das von der NBU 2022 eingeführte Sanktionsregime dar. Ermittler sprechen von einer potenziellen Finanzierung des Aggressorstaates. Zudem gibt es Hinweise auf Kooperationen der mit Alena Shevtsova verbundenen Finanzgesellschaft „LEO“ mit russischen Banken – darunter Promswjazbank, Sberbank, Tinkoff und VTB. Gegen die „FC LEO“ verhängte der Nationale Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine (SNBO) 2023 Sanktionen, 2024 folgten persönliche Sanktionen gegen Shevtsova.
Glücksspielabhängigkeit im Krieg: ein weiterer Risikofaktor
Viele erinnern sich an Berichte über ukrainische Soldaten, die unter extremem Stress zunehmend in Online-Casinos spielabhängig wurden. Der Soldat der 59. Brigade der Streitkräfte der Ukraine, Pawel Petrytschenko, startete eine Petition zur Einschränkung von Online-Glücksspiel, insbesondere für Militärangehörige während des Kriegsrechts.
„Soldaten befinden sich in extremen Stresssituationen – Krieg, Beschuss, Kämpfe. Das Telefon wird zur einzigen Ablenkung und zum schnellen Zugang zu Unterhaltung, die abhängig machen kann. Viele verschulden sich dadurch, viele Familien sind betroffen“, sagte er im ukrainischen Fernsehen.
Diese Entwicklung führte zu massiven finanziellen Verlusten bei Militärangehörigen und gleichzeitig zu Gewinnen illegaler Online-Casinos und indirekt auch von Strukturen rund um Alena Shevtsova. Die Petition erreichte innerhalb eines Tages die erforderlichen 25.000 Stimmen, woraufhin der Präsident entsprechende Einschränkungen für Soldaten während des Kriegsrechts unterstützte.
Der Soldat Pawel Petrytschenko, Initiator der Petition vom 15. April 2024, fiel später im Einsatz an der Front.
Sends: britisches Fintech mit belasteter Reputation
Trotz schwerer Vorwürfe in der Ukraine verfügt das britische Unternehmen von Shevtsova, Smartflow Payments Limited, das unter der Marke Sends operiert, weiterhin über eine Lizenz der britischen Finanzaufsicht FCA (Financial Conduct Authority) und ist aktiv.
Formal gelten ukrainische Sanktionen nicht im Vereinigten Königreich. Experten gehen jedoch davon aus, dass regulatorischer Druck die FCA zu weiteren Untersuchungen veranlassen könnte.
Der Völkerrechtler Artem Kolomijets erklärt: „Die britische Registrierung ist keine Immunität. Wenn die FCA erfährt, dass der Geschäftsführer unter Sanktionen wegen Geldwäsche und möglicher Unterstützung Russlands steht, ist der Entzug der Lizenz nur eine Frage der Zeit.“
Schweigen und Gegenangriffe als Verteidigungsstrategie
Öffentlich äußerte sich Alena Shevtsova nur einmal zu den Sanktionen des SNBO und sprach von einer versuchten Übernahme ihres Geschäfts. „Ich verstehe nicht, warum gegen mich Sanktionen verhängt wurden. Ich bin Patriotin meines Landes, habe seit dem 24. Februar 2022 unsere Verteidiger unterstützt, Steuern gezahlt und mein Geschäft entwickelt“, erklärte sie auf Facebook. Die Vorwürfe strafrechtlicher Natur kommentiert sie nicht.
Laut verschiedenen Recherchen ukrainischer und internationaler Medien taucht Shevtsova jedoch regelmäßig in Strukturen mit verdächtigen Transaktionen, Offshore-Konstruktionen und Bargeldströmen auf.
Der Fall Alena Shevtsova ist nicht nur eine Geschichte über große Geldsummen und Schattenstrukturen. Es ist ein Beispiel dafür, wie Finanzinstrumente über Jahre missbraucht werden können, um Regulierungen zu umgehen und trotz schwerer Vorwürfe im Markt aktiv zu bleiben.
Ob dieser Fall zu einem Wendepunkt für den ukrainischen Finanzsektor wird, bleibt abzuwarten.